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Leseprobe aus dem Roman
Heinrich August Wellensiek war Viehhändler und hatte zwölf Kinder
Prolog
1958
Im Herbst 1958 stiegen der Arzt Johann Heinrich Niewöhner und seine Frau Betty, eine Engländerin, im Hotel Ravensberger Hof in Bünde ab. Das Hotel war drei Jahre zuvor an der Bahnhofstraße eröffnet worden, ein modernes Haus, ganz im Stil der Wirtschaftswunderjahre.
Johann und Betty kamen mit dem Zug und der Fähre aus Cambridge in England über London, Dover, Ostende, Brüssel und Köln und waren beinahe vierundzwanzig Stunden unterwegs. Am späten Vormittag des folgenden Tages sollte Johanns Mutter im Familiengrab der Familie Wellensiek bestattet werden.
Henrieke Niewöhner hatte ihren Sohn von jeher ´ John´, mit der deutschen Aussprache mit einem langen ´o´ gerufen, aber inzwischen hatte sich John an die englische Aussprache gewöhnt. Er war nach dem Krieg als Deutscher in einem Kriegsgefangenenlager in Ely in der Nähe von Cambridge in sanitätsdienstlicher Funktion tätig gewesen. Dort hatte er 1944 Betty kennengelernt, die in dem Lager in der Verwaltung arbeitete. Die beiden heirateten nach Kriegsende und John blieb in England.
Mit jedem Kilometer, den John seiner alten Heimat näherkam, ratterten Erinnerungen an seine Kindheit durch seine Gedanken, wie die Räder des Zuges über die Schwellen. So viele Ereignisse und Begebenheiten, die ihm wieder in den Sinn kamen, bis sie endlich am Ziel waren.
"Ach Betty “, seufzte er. "I regret many things, you know? Ich habe Mutter nach dem Krieg nur noch ein einziges Mal gesehen. Dabei bin ich ihr einziges Kind. Du weißt, sie war mit sechsunddreißig Jahren schon bei meiner Geburt keine junge Frau mehr und sie war Kriegswitwe. Ich hätte mich besser um sie kümmern müssen...“
"Your mother, sie war ein remarkeble Frau, John!“, antwortete Betty. "She raised you. Ganz allein in schwieriges Zeit. Warum sie hat sich nicht wieder verheiratet?“
"Ihr Beruf als Hebamme und ihre Unabhängigkeit waren ihr wichtiger als eine Ehe, denke ich. Aber ehrlich gesagt habe ich nie wirklich darüber nachgedacht und auch nicht mit ihr darüber gesprochen.“ Er schüttelte nachdenklich den Kopf. "Ich kannte es nicht anders. Sie liebte mich! Ich habe nie etwas vermisst. Im Gegenteil: tatsächlich habe ich mehr als nur einen Vater gehabt. Mein Onkel Frieder, einer der fünf Brüder meiner Mutter, war einer davon. Und auch Onkel Robert, der Mann meiner Tante Erna.“
"Du meinst der Landarzt? Ich freue mich, dass ich endlich alle lerne kennen! Auch wenn es ist die Beerdigung von deine Mutter, dear. Hätte ich nur besser Deutsch gelernt“, seufzte Betty. "You will have to translate if I get stuck … “
"Sicher! Onkel Frieder ist nach dem Krieg nach Amerika ausgewandert" fuhr John fort. "Ich glaube er hatte kein einfaches Leben… Und meine Großeltern Niewöhner leben ja nicht mehr. But we will meet Onkel Robert and Tante Erna and many of the others. It´s a very big family.“
"Don´t worry, John. We were both very young when you came to England. Live was complicated after the war.”
"Meine Mutter hatte als Lazarettschwester gearbeitet, im ersten Weltkrieg. Nach Kriegsende kam sie auf den Hof ihrer Eltern zurück und brachte mich dort einige Monate später zur Welt und mein Vater war gefallen. Sie hat Bünde nicht mehr verlassen. You know all that, darling! I´m sorry, but I can´t stop thinking about it.“
"Honey, I understand how deeply all of this affects you. Es muss nicht einen Abschied für immer sein von dein family, you know.“
"Ich wünschte ja nur, ich hätte noch einmal mit ihr über all das reden können.“
Die Nachricht von dem plötzlichen Unfalltod von Johns Mutter war völlig überraschend gekommen. Zwar war Henrieke Niewöhner mit fünfundsiebzig Jahren nicht mehr die allerjüngste gewesen, aber sie war trotz der beiden Weltkriege, die sie erleben musste, gesund und lebensfroh geblieben. Als John nach Kriegsende beschloss, in England zu bleiben, freute sie sich für ihn: sie war unendlich dankbar, dass er den Krieg überlebt hatte! Dass er mit Betty die Liebe und in Cambridge eine neue Heimat gefunden hatte. Dass er nun in Sicherheit war und dass er Arzt geworden war.
Nur ein einziges Mal, vor inzwischen fast fünf Jahren, hatte seine Mutter John und seine neue Familie in Cambridge besucht. Da war ihr Enkel Henry schon fünf Jahre alt gewesen. Es hatte ihr in England gefallen, die Landschaft entlang der kleinen Straßen und Felder, die malerische Stadt Cambridge selbst. Die Hecken.
"Es kommt mir vor, als sei der Mai noch nie so schön gewesen“, hatte sie ausgerufen.
Der wolkenlose Himmel strahlte in einem Blau ohnegleichen. Und schon quollen die Gärten über von Lupinen, Rosen, Rittersporn und hellgrünen Wolken von Frauenmantel. "Ein bisschen wehmütig werde ich hier, so sehr erinnert mich das alles an den Blumengarten deines Onkel Frieder, vor dem letzten Krieg.“
Die nickenden Dolden der Holunderblüten verströmten ihren Duft in den Hecken. Und die altehrwürdigen Gebäude der Altstadt und die Universitätsgebäude waren beeindruckend für die Landhebamme.
Seine Mutter und Betty hatten sich gut verstanden, auch wenn Rieke kaum Englisch und Betty kaum Deutsch sprach. Nach zwei Wochen war Rieke wieder abgereist und in ihr Leben in dem kleinen Kotten am Rande des Wellensiekschen Hofes zurückgekehrt.
Nach der Beisetzung folgte die übliche Kaffeetafel in der Gaststätte Erdbrügger, mit Butterkuchen, belegten Broten, Kaffee und Schnaps. Die Tischordnung wurde aufgehoben und die Trauergäste verteilten sich im Raum. Johns Onkel Gustav Wellensiek steckte seinem Neffen einen verschlossenen Briefumschlag zu. ´ ´Für meinen Sohn John´ stand in der sauberen Handschrift seiner verstorbenen Mutter in Sütterlin-Buchstaben darauf.
"Den habe ich bei den Unterlagen deiner Mutter gefunden, John. Er scheint sehr alt zu sein.“ Der Umschlag war in der Tat vergilbt und abgegriffen. "Es gibt ein Sparbuch mit einem kleinen Betrag, ein paar alte Möbel und Kleider, nur einzelne Photographien“, fuhr er fort, bemüht langsam und deutlich zu sprechen, damit auch Betty ihm folgen konnte.
Onkel Gustavs ältester Bruder, Heinrich Karl, der Hoferbe, war deutlich vom Alter gezeichnet und wurde offenbar senil, dachte John. Heinrich Karl hatte es sich trotzdem nicht nehmen lassen, der Kaffeegesellschaft vorzusitzen:
"Nu ät!“, hatte er die Trauergäste mehrfach aufgefordert, und dann hatte er die beiden Serviererinnen in schwarzen Kleidern mit weißen Halbschürzen wieder und wieder genötigt, mehr Kaffee zu bringen und Klaren einzuschenken, nun, da es nach dem Krieg wieder alles gab. Tja, er hatte eben noch ganz andere Zeiten gekannt… Onkel Heinis Frau Clara hakte ihren wegen seines Holzbeins leicht hinkenden und etwas unsicher umherblickenden Mann unter, um aufzubrechen. Clara hatte am Grab einige Tränen vergossen, wie alle anwesenden Tanten, von denen Helene mit einundsiebzig Jahren nun die älteste und Alma mit dreiundfünfzig die jüngste war. Die Onkel, in schwarzen Anzügen und mit altmodischen Zylindern, hatten mit gefasster Miene zugehört, wie der junge Pastor die Verstorbene ehrte:
"Ruhe nun in Frieden, Katharina Henrieke Niewöhner, geborene Wellensiek, geboren am vierzehnten Januar 1883 und gestorben am zweiten Oktober 1958. Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub. Amen.“
Selbst zu solchen Anlässen wird nicht mehr im gewohnten Platt gesprochen, dachte John. Die Zeiten änderten sich. Dann war es an John und Betty gewesen, die erste Schaufel Erde auf den Sarg zu werfen.
"Ihr könnt euch morgen in aller Ruhe im Haus umsehen“, griff Tante Ida, Onkel Gustavs Frau, den Faden wieder auf. "Wir werden euch gerne alles zeigen. Du kannst mitnehmen, was du möchtest, John“. - "Haus”, sagte sie zu Betty und an John gewandt: “Sag ihr, dass ihr alles mitnehmen könnt, John“. Dann redete sie weiter, ohne seine Übersetzung abzuwarten: "Es sind noch eine ganze Reihe Fachbücher und Notizen da, aber fast nichts Persönliches. Viele sehr alte Aufzeichnungen, die sie offenbar bei Geburten vor dem ersten Krieg gemacht hat und in ihrer Zeit in Bielefeld und kurz danach. Aber damit kann wohl sowieso niemand mehr etwas anfangen.“ Ida seufzte. "All die Mütter und Säuglinge …“
Gustav übernahm wieder das Wort: "Den Kotten, in dem deine Mutter lebte, hat dein Großonkel Georg mir vererbt, das weißt du sicher?“
"Ja, das weiß ich Onkel Gustav“, antwortete John. "Ich erhebe keinen Anspruch darauf. Betty und ich, wir bleiben in England.“
Gustav nickte knapp. Der alte Kotten würde abgerissen werden, Gustav brauchte Platz für seine Busse, aber das musste John ja nun noch nicht erfahren, kaum dass seine Mutter unter der Erde war.
"Danke, Onkel Gustav und Tante Ida, dass ihr die Beerdigung ausgerichtet habt“, fuhr John fort. "Bitte sagt mir, was ich euch dafür schuldig bin.“
"Lass mal gut sein, mein Junge“, wehrte Onkel Gustav ab. "Deine Mutter hat sich das Wohnrecht in Onkel Georgs Kotten und eine anständige Beisetzung mehr als verdient. Als älteste Schwester von uns Wellensieks hat sie alle ihre jüngeren Geschwister als Kinder versorgt, mich selbst eingeschlossen natürlich, obwohl ich nur zwei Jahre jünger bin als sie.“ Drei von Johns elf Onkeln und Tanten waren sogar schon vor seiner Geburt gestorben.
"… und deine Mutter war es auch, die sich immer um deine Großeltern gekümmert hat, John“, fuhr Onkel Gustav fort. "Nicht einmal den Volkswagen hätte sie sich geleistet, wenn dein Onkel Heini und ich nicht dafür gesorgt hätten, dass sie einen Wagen bekommt. Der kleine Betrag auf ihrem Sparbuch ist der ganze Besitz, den sie hatte. Der Wagen hat nach dem Unfall einen Totalschaden. Da war nichts mehr zu retten…“
Heinrich Karl – Onkel Heini – der älteste Bruder, hatte den Hof und den Viehhandel übernommen, wie es ihm von Geburt an vorbestimmt gewesen war. Aber auch Gustav, der zweite Sohn, hatte es über die Jahre ebenfalls zu einem beachtlichen Vermögen gebracht.
"Wir expandieren. Unser neues Vorhaben heißt Wellensiek Reisen, erzählte Onkel Gustav prompt weiter. "Ich bin davon überzeugt, dass das gut laufen wird.“
"Es war so ein tragischer Unfall, den deine Mutter hatte, John. Wir sind alle erschüttert“, mischte sich Tante Ida wieder in das Gespräch ein, bevor Gustav weiter über seine Geschäfte reden konnte. John erriet Idas Beweggründe und lächelte im Stillen. Dies war schließlich eine Beerdigung. Kein Anlass, mit geschäftlichen Erfolgen zu prahlen, die John seinem Onkel Gustav, als dem ewig ´zweiten´ Sohn, aber sehr gönnte. Die strenge westfälische Erbfolge war unerbittlich.
"Ach, wir sind alt geworden“, Ida schnäuzte sich die Nase. “Wir waren uns alle sehr nah.“
Aus dem Augenwinkel entdeckte John seine Kusine Waltraud an einem der Tische, Idas und Gustavs gemeinsame Tochter. Sie trug eine markante, mit kleinen Bügeln versehene Brille, die auf ihre Augäpfel drückten. Waltraud litt an einer seltenen Augenkrankheit, die dazu führte, dass ihre Pupillen nach oben verdreht waren. Sie trug die Brille mit der Vorrichtung schon seit sie dreizehn oder vierzehn Jahre alt gewesen war. John hätte sich gerne mit Waltraud und den vielen anderen der jüngeren Generation unterhalten. Aber Tante Ida redete weiter auf ihn und Betty ein:
"Bleibt doch noch ein paar Tage!“, drängte sie wieder. "Wollen wir uns morgen nicht doch auf dem Hof treffen?“
John steckte den abgegriffenen Umschlag, den Onkel Gustav ihm gegeben hatte, in die Innentasche der Jacke seines schwarzen Anzugs. "Wir bleiben ein paar Tage, damit wir noch ein paar Besuche machen können, Tante Ida, aber dann muss ich zurück in meine Praxis“, bedauerte er. Er beugte sich zu Betty hinüber und sagte: "Let´s have a little break, darling. What do you think? Tonight we´ll have dinner with Aunt Erna and Uncle Robert. What about a little bit of fresh air now?“
Es war ein langer Tag gewesen, den John und Betty mit einem Besuch bei Erna und Robert Bachmann abgeschlossen hatten. Der Landarzt führte trotz seiner siebzig Jahre immer noch die kleine Praxis in Dünne.
"Du willst meine Nachfolge ja nicht antreten, John“, hatte er dem Neffen zugezwinkert.
Zurück im Hotel legte sich Betty erschöpft von der Reise und dem langen Tag sofort in ihr mit gestärkter weißer Bettwäsche bezogenes Einzelbett.
John schaute aus dem Fenster. Das Hotel Ravensburger Hof lag gegenüber dem Café Kirchhoff an der Bahnhofstraße. Dieses Café hatte es bereits gegeben, als seine Mutter noch ein junges Mädchen war, ging ihm durch den Kopf. Gelegentlich waren sie beide dort eingekehrt, zur Feier seines Schulabschlusses 1938 zum Beispiel. Seine Mutter hatte ihm erzählt, dass Hermann Niewöhner – der Vater, den John nie kennengelernt hatte – sie dorthin schon zu Kaffee und Kuchen ausgeführt hatte, lange bevor seine Eltern verheiratet waren.
Auf dem Bahnhofsvorplatz, den John aus dem Zimmerfenster des Hotels gut überblicken konnte, wartete ein Taxi auf Kundschaft. Es war ein großer Mercedes-Benz aus der Taxiflotte von Onkel Gustav.
Es war schön, wieder in Bünde zu sein, trotz des traurigen Anlasses. Wie sehr das Leben seiner Mutter und ihrer Geschwister von den beiden Weltkriegen geprägt gewesen war und wie es sich jetzt veränderte… Betty schlief, aber John war nicht müde. Sollte er sich noch kurz draußen die Beine vertreten? Er suchte nach einem Pfefferminzbonbon und ging leise hinüber zu dem Stuhl, über dessen Lehne er seine schwarze Jacke gehängt hatte. Er fand das Bonbon in der Tasche des Jacketts und ertastete den abgegriffenen Umschlag, den Onkel Gustav ihm nach der Beisetzung gegeben hatte.
Ach ja, der Umschlag. Was mochte darin sein? John öffnete das abgegriffene Couvert mit einem Brieföffner des Hotels im Licht der kleinen Nachtischlampe an seinem Bett. Er faltete einen Brief auf, den seine Mutter auf den vierundzwanzigsten Dezember 1919, den Heiligen Abend ein paar Monate nach seiner Geburt, datiert hatte. Neugierig überflog er, was sie geschrieben hatte. Viele Worte hatte sie nicht gemacht, aber sie hatte wohl lange darüber nachgedacht, wie sie ihre Botschaft formulieren sollte…
In dieser Nacht tat John jedenfalls kein Auge mehr zu!
In dem Brief gestand ihm seine Mutter, dass Hermann Niewöhner nicht sein Vater war! Warum nur hatte sie ihn das dann immer glauben lassen? Sie trugen beide Hermanns Nachnamen, wie auch Johann und Mathilde Niewöhner, die er mit Großvater und Großmutter angeredet hatte und die 1939 in kurzem Abstand nacheinander gestorben waren. Aber nun erfuhr er, dass ihr Sohn Hermann tatsächlich bereits 1915 gefallen war, nicht einmal ein Jahr nach der Hochzeit mit seiner Mutter und vier Jahre vor Johns Geburt! Onkel Gustav und die anderen Geschwister seiner Mutter, seine Großeltern Wellensiek… Sie mussten es doch alle gewusst haben, dass Hermann Niewöhner nicht sein Vater gewesen sein konnte. Tante Erna und Onkel Robert, mit denen sie gerade noch zu Abend gegessen hatten… Niemand hatte jemals dieses Thema angesprochen!
Seine Mutter schrieb, sein Vater sei der Chirurg Dr. Clemens von Thranow aus Berlin. Er sei die zweite und letzte große Liebe ihres Lebens gewesen. Sie hatte ihn während ihres Lazarettdienstes in Frankreich kennengelernt, Jahre nachdem Hermann Niewöhner gefallen war.
In dem Brief berichtete ihm seine Mutter das wenige, was sie von Clemens, seiner Herkunft, seiner Familie und vier Töchtern wusste. Clemens war verheiratet gewesen und nach dem Ende des ersten Weltkrieges nach Berlin zu seiner Familie zurückgekehrt, bevor Rieke festgestellt hatte, dass sie schwanger war.
In dem Brief stand, dass seine Mutter nicht nur John seinen wahren Vater verschwiegen hatte. Sie hatte auch Clemens nichts von der Vaterschaft erzählt. Der Grund sei Liebe gewesen, erklärte sie mit wenigen schlichten Sätzen, die John nicht verstand: Liebe zu Clemens und Liebe zu ihm, ihrem Sohn.
Ganz offensichtlich hatte seine Mutter ihren Beschluss nie geändert, seit sie am Heiligabend 1919 diesen Brief an ihn verfasst hatte. Und ganz offensichtlich hatte sie alle anderen, die es hätten wissen müssen, dazu gebracht, ebenfalls zu Schweigen. Nicht einmal die Geburt ihres Enkelkinds Henry hatte seine Mutter dazu gebracht, ihm reinen Wein einzuschenken! Warum nur, wenn sie doch, wie sie geschrieben hatte, seinen Vater - Clemens von Thranow, wie vornehm des klang - angeblich ebenso sehr geliebt hatte wie ihn, ihren Sohn? Welche Geheimnisse hatte seine Mutter noch mit ins Grab genommen?
Teil I
Kapitel 1
1896 Geburt
Katharina Wellensiek richtete sich umständlich in ihrem Bett auf. Die Juni-Sonne war noch nicht aufgegangen, als sie sich mühsam erhob. Sie wollte Rieke, ihre älteste Tochter wecken. Dazu musste sie die steile Stiege hinaufsteigen.
Oben, in der engen Mädchenkammer schliefen Katharinas älteste Tochter, die vierzehnjährige Henrike, und die jüngeren Schwestern Helene sowie Lina und Edda, die sich ein Bett teilten. Platz für einen Schrank bot die Kammer nicht. Die am Tag getragene Kleidung der Kinder hing an einer Hakenleiste an der Wand für den nächsten Morgen. Für die Söhne gab es eine zweite gleich große Kammer nebenan. Darin schlief heute nur der elfjährige Gustav. Das Bett des ältesten Sohnes Heinrich Karl war leer, denn Heini war als Knecht auf den Hof seines Onkels nach Jöllenbeck geschickt worden.
Umständlich streifte sich die Bäuerin ihre Kleider über. Sie war mit ersten Wehenschmerzen erwacht und dachte an die Geburt ihres ältesten Sohnes vor sechzehn Jahren zurück. Heute würde sie zum siebten Mal gebären. Sie wollte Henrieke, die älteste Tochter losschicken, damit sie die Hebamme holte.
Katharinas Blick fiel auf die Wiege und das Gitterbettchen für die Kleinkinder, die in der Kammer im Erdgeschoss bereitstanden. Das Bett ihres Mannes Heinrich August war leer. Der Viehhändler war zusammen mit dem Altbauern Friedrich unterwegs, um mit Pferden zu handeln. Am Fußende des Ehebetts stand eine Truhe, in der Ecke am Fenster ein kleiner Lehnstuhl, in dem Katharina ihre Kinder stillte. Sie liebte es, den unwiderstehlichen Milchgeruch des kleinen Köpfchens einzuatmen, wenn draußen der Mond am Himmel stand oder die Sonne gerade aufging über den Wiesen vor dem kleinen Fensterchen.
Aber nun musste sie die enge Treppe hochsteigen, um Henrieke zu wecken. Mit einer Hand stützte Katharina ihren schmerzenden Rücken und atmete tief durch. Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen nach oben. Die letzten Monate der Schwangerschaft erschienen ihr endlos gewesen zu sein. Einerseits sehnte sie die Zeit der Niederkunft entgegen, andererseits wäre es ihr sehr recht gewesen, wenn sich die Geburt wenigstens noch so lange verzögert hätte, bis die Männer wieder auf dem Hof waren, zumal sie eigentlich noch ein paar Wochen Zeit hatte, bis zu dem errechneten Termin. Aus Erfahrung wusste Katharina, dass dies jedoch kein falscher Alarm war. Die Wehen waren leicht und noch gut erträglich, aber sie kamen regelmäßig. Es ging los.
Katharinas Tage als Mutter und Bäuerin waren von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit Aufgaben angefüllt. Dieses Mal schien ihr die Zeit der Schwangerschaft langsamer und mühsamer vergangen zu sein und Katharina ächzte sich durch ihren Alltag. Zum ersten Mal erwartete sie Zwillinge. Hoffentlich bin ich dem gewachsen, seufzte sie in Gedanken. Katharina spürte den Druck nach unten schon seit einiger Zeit. Sie bekam schlecht Luft, geriet leicht außer Atem und das ihr bekannte Sodbrennen war lästig. Ihre Beine waren abends geschwollen und sie konnte schlecht schlafen und sich nur noch mühsam im Bett umdrehen. Anna, die Hebamme, hatte ihr erklärt, woran das lag:
„Die Gebärmutter hat sich weit ausgedehnt. Daher kommen deine Atembeschwerden. Das Blut fließt aus deinen Beinen schwerer als bei nur einem Kind zum Herzen zurück.“
Es stach und spannte und drückte und kniff. Nun, nur zu genau wusste Katharina, was in den nächsten Stunden auf sie zukommen würde. Obwohl sie das Ende der Schwangerschaft herbeisehnte, hatte sie nicht damit gerechnet, dass es heute schon losgehen würde. Sie war von den ersten leichten Aufwallungen von Schmerz erwacht, die ihren Körper in Besitz nahmen. Noch war es auszuhalten.
Katharina war gerne gut vorbereitet. Ausgerechnet heute war sie nun allein mit den Kindern und dem Hof. Jemand würde die Kinder und das Kleinvieh versorgen müssen, sie selbst würde das heute nicht schaffen können und sie konnte heute auch nicht melken. Sie befahl sich selbst ruhig und konzentriert einen Schritt nach dem anderen zu überlegen. Ihr Rücken brachte sie schier um und das machte ihr Sorgen. Und so stützte sie sich schwer auf das Geländer, als sie das Ende der Treppe erreicht hatte. Ich werde es auch diesmal wieder schaffen, redete sie sich selbst gut zu. Rieke, die älteste Tochter, war mit vierzehn Jahren alt genug, um die Kleinen zu versorgen, während sie selbst im Wochenbett lag. Mehr als zwei Tage würde sie sich aber wohl nicht erlauben können.
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